North Marston 2017

Mittwoch, 16.08.2017: Quainton und Totternhoe Knolls

Es ist ein biss­chen wol­kig und ein biss­chen win­dig. Der Wecker bleibt auch aus, und des­halb fan­gen wir ein biss­chen spä­ter als üblich an, Plä­ne für den Tag zu schmie­den. Groß­ar­ti­ge Tou­ren sol­len es heu­te nicht wer­den; ich möch­te ein paar Plät­ze in der Gegend ansteu­ern, die inter­es­sant sein könn­ten.

Der ers­te Teil des Aus­flugs bringt uns nach Quain­ton, ein Dorf ca. zehn Auto­mi­nu­ten von North Mars­ton ent­fernt. Eigent­lich unspek­ta­ku­lär, gibt es dort eine alte Wind­müh­le und das Buck­ing­ham Rail­way Muse­um, wel­ches in einer Fol­ge von „Mid­so­mer Mur­ders“ auch Dreh­ort war.

Aller­dings ist dort heu­te Stea­ming Day, was einen Ein­tritts­preis zur Fol­ge hat, wel­cher uns als nicht so gro­ße Eisen­bahn­fans dann doch sofort umdre­hen lässt. Am schöns­ten war aller­dings das Gesicht des jun­gen Stra­ßen­bau­ar­bei­ters, den Herr H. wegen der gesperr­ten Stra­ße und der des­halb nicht mög­li­chen Rou­te nach „Frau Prof. Inge“ nach dem Weg zum Eisen­bahn­mu­se­um gefragt hat! So erschro­cken möch­te ich auch aus­se­hen, wenn mich in Dres­den jemand z. B. nach dem ein­fachs­ten Weg zur Fuß­nä­gel­samm­lung fragt 😉 Wir fah­ren des­halb wei­ter zur Orts­mit­te in freu­di­ger Erwar­tung der Wind­müh­le. Und wir fin­den sie sofort und erken­nen: Hur­ra, das Dach und die Flü­gel feh­len. Die Müh­le wird seit 2016 restau­riert, der­zeit schraubt man am Boden die neue Hau­be zusam­men. Toll. Aber eben auch irgend­wie unbe­frie­di­gend, wenn man sich eine voll­stän­di­ge Wind­müh­le anschau­en möch­te. Wenigs­tens konn­ten wir uns ein Foto von dem gro­ßen Tag anse­hen, an dem der neue Auf­satz mit Wind­rad gelie­fert wur­de. Das Dorf wird noch in Jahr­hun­der­ten davon spre­chen … Also von dem Tag der Anlie­fe­rung; nicht von unse­rem Besuch!

Noch eine Run­de um den Dorf­an­ger, dann zurück zum Auto und ab zu Teil Zwei des Tages: Leighton Buz­zard. Ein klei­nes Städt­chen, von dem wir – und auch Pete – behaup­ten: Man muss es nicht gese­hen haben. Die geball­te Geschich­te besteht aus sechs oder sie­ben alten Gebäu­den im Zen­trum eines zwar recht beleb­ten, aber auch ein wenig ver­leb­ten Ortes. Und das ein­zi­ge für uns inter­es­san­te Bau­werk, näm­lich die Kir­che, ist die­se Woche geschlos­sen.

Eine hal­be Stun­de spä­ter und ein Pfund Park­ge­büh­ren ärmer (aber immer­hin in einem Park­haus, das bei der Ein­fahrt das Num­mern­schild eines Autos scannt, spä­ter dar­aus die Park­zeit und den Betrag kal­ku­liert und beim Aus­fah­ren mit einem wei­te­ren Scan kon­trol­liert, ob man auch bezahlt hat; wir sind erst ein­mal ungläu­big wie­der raus gefah­ren, haben uns der Tech­nik ver­si­chert und haben dann mutig geparkt) über­re­de ich Frau R. zu einem Abste­cher nach Tot­tern­hoe und dem dort in der Nähe lie­gen­den alten Kalk­stein­bruch „Tot­tern­hoe Knolls“, in wel­chem u. a. die Blö­cke für die Lon­do­ner West­mins­ter Abbey gebro­chen wur­den.

Das Gelän­de ist heu­te wegen eini­ger sel­te­ner Orchi­deen­ar­ten und der dort ansäs­si­gen, eben­falls sel­te­nen blau­en Tau­be ein Natur­schutz­ge­biet. Man soll auch Bescheid geben, wann und wo man die­se Tau­be gese­hen hat. Wahr­schein­lich wis­sen die Natur­schüt­zer selbst nicht so genau, ob der Vogel wirk­lich exis­tiert. Wir jeden­falls haben ihn nicht gese­hen, obwohl sich uns unzäh­li­ge Tau­ben in den Weg gestellt (ja, und zwar auf der Stra­ße!) haben. Um so erstaun­ter sind wir, dass wir nicht nur von einem Auto­wrack begrüßt wer­den, son­dern spä­ter mit­ten in einem klei­nen Tal auch noch eine Motor­rad­rui­ne sich­ten. Aber der Rest des klei­nen Rund­wegs von reich­lich einer Stun­de ist doch ganz unter­halt­sam, zumal wir noch Gra­ham For­bes, einen Falk­ner aus Duns­ta­ble, tref­fen, der gera­de einen erst weni­ge Mona­te alten Wan­der­fal­ken über der offe­nen Land­schaft trai­niert. Und wir wer­den von einer Frau ange­spro­chen, die fragt, woher wir kom­men. Sie ist ganz glück­lich, dass wir aus Deutsch­land sind, denn sie wäre in Hameln gebo­ren. Und sie LIEBT Deutsch­land, hasst aber Eng­land und ist nur noch hier zum Geld ver­die­nen. Auf mich macht sie den typisch zufrie­de­nen Ein­druck einer Eng­län­de­rin aus dem Pre­ka­ri­at: Kras­ses Out­fit, Freund mit häss­li­chen Täto­wie­run­gen, 3 Acces­soire-Hun­de, die nicht hören und 1 Kampf­hund, der aller­dings gut erzo­gen ist. Ich hof­fe, ihr Freund hat die Äuße­rung mit dem Eng­land­hass nicht ver­stan­den. Sonst gibt’s einen vor­ge­zo­ge­nen Bre­x­it 😉

Kurz nach 16 Uhr geht es zurück in Rich­tung Häus­chen, wo wir bei leich­tem Wind noch etwas die Ter­ras­se nut­zen, bevor der „Pil­grim“ ruft. Bzw. eben nicht ruft, denn aus­ge­rech­net heu­te ist kein ein­zi­ger Tisch frei. Der legen­dä­re Bur­ger muss also wei­ter war­ten.

Zu Hau­se wird es dann doch zu frisch für ent­spann­tes Lesen im Außen­ge­he­ge, wes­halb wir uns in unse­ren Urlaubs­stall zurück­zie­hen. Außer­dem sind seit heu­te noch zwei Hun­de auf dem Grund­stück zu Gast, was die Kat­zen und Hasen abso­lut unzu­mut­bar fin­den …

Rachel und Pete sind übri­gens noch nie in den Tot­tern­hoe Knolls gewe­sen. Wir emp­feh­len ihnen einen Besuch. Das führt bei Pete zu einem etwas ungläu­bi­gen Gesichts­aus­druck, was – wie sich aller­dings erst ein paar Tage spä­ter her­aus­stellt – auf eine Ver­wechs­lung zurück­zu­füh­ren ist: In Mil­ton Keynes gibt es einen Stadt­teil Tat­ten­hoe. Und hier in der Gegend wer­den vie­le von einem Dop­pel­kon­so­nan­ten gefolg­te „a“ in der ers­ten Sil­be eher als kur­zes „o“ gespro­chen – aus „Tat­ten­hoe“ wird gespro­chen also ein „Tottn­hoh“ („Wad­des­don Manor“ wird zu „Woddsdn Män­nor“, „Had­den­ham“ zu „Hoddnhämm“ usw.), was ver­dammt nah dran an „Tott­rn­hoh“ ist. Geo­gra­fisch gese­hen macht das klei­ne, unschein­ba­re „r“ einen rie­si­gen Unter­schied; und Tat­ten­hoe ist wirk­lich kei­nen Aus­flug wert … 🙂 Mer­ke: sorg­fäl­ti­ge Aus­spra­che ist alles!

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