North Mars­ton 2017

Sonn­tag, 13.08.2017: Rum­hän­gen mit Dorfrund­gang

Unsere Ver­mie­ter sind ges­tern spät­abends aus dem Urlaub zurück­ge­kehrt, und Rachel schaut am Vor­mit­tag bei uns vor­bei, um uns nach Wün­schen, Pro­ble­men und dem all­ge­mei­nen Wohl­be­fin­den zu befra­gen. Wir haben keine Wün­sche, nur ein paar klei­nere Fra­gen die Gegend betref­fend und freuen uns über die herz­li­che Begeg­nung.

Ein kur­zer Blick aus dem Küchen­fens­ter: KATZENALARM! Ich hechte durchs Häus­chen, und eine große Glücks­katze hech­tet panisch durch den Gar­ten ins Wohn­haus. (JEDER wäre panisch davon gerannt …) Kurze Zeit spä­ter ler­nen wir auch Pete, unse­ren Ver­mie­ter ken­nen, ein eben­falls sehr freund­li­cher Mann, der im Übri­gen Dres­den kennt, weil er vor ein paar Jah­ren für Volks­wa­gen gear­bei­tet hat. Wir plau­schen und erfah­ren, dass zum Haus sogar zwei Kat­zen gehö­ren. Die dicke Flucht­katze heißt Smudge („Fle­cki“) und mag Fremde nicht allzu sehr, aber ihre klei­nere Schwes­ter Fudge („Tof­fee“) ler­nen wir kurz dar­auf ken­nen – und die kann uns und spe­zi­ell Frau R. so gut lei­den, dass sie sich spä­ter am Nach­mit­tag auf ihrem Schoß zum Pen­nen nie­der­legt und all­ge­mein sehr freund­lich zu uns ist. Pete meinte, ich hätte jetzt eine Freun­din für’s Leben 🙂 Katze auf’m Schoß heißt: Der Urlaub ist schon ein vol­ler Erfolg, egal was noch kommt.

Das Dörf­chen ist in der Tat ein Dörf­chen, hat viele alte Häu­ser (die eine Seite der Straße steht unter Beob­ach­tung der Denk­mal­schutz­be­hörde, was schlecht für die Besit­zer ist; unsere Seite ist genau so alt, aber hier darf man fast alles machen, was man will), den erwähn­ten Pub („The Pil­grim“, einer der bes­ten in der Gegend, und die Bur­ger sol­len wohl legen­där sein – wir wer­den das tes­ten), einen klei­nen, von Frei­wil­li­gen betrie­be­nen Dorf­la­den, eine Kita, in der man auf Antrag seine Kin­der für 30 Stun­den je Woche kos­ten­los(!) betreuen las­sen kann, eine Kir­che und ansons­ten jede Menge fri­sche Luft und Land­ma­schi­nen. Die – also die Land­ma­schi­nen – mähen ohne Unter­lass bis in die späte Nacht hin­ein, was inso­fern etwas stört, als beim rück­wärts fah­ren ein ener­vie­ren­der Piep­ton erschallt. Nun, man weiß ja nie, wer sich so auf dem Feld her­um­treibt und hin­ter einem Mäh­dre­scher her­um­wu­selt. Ansons­ten war North Mars­ton mal eine berühmte Pil­ger­stätte, weil dort ein hei­li­ger Mann (John Schorne) mal den Teu­fel „mit sei­nem Stie­fel aus­ge­schüt­tet“ hat. Diese – natür­lich wahre – Bege­ben­heit wird in der Kir­che durch eine kleine alte Schnitz­fi­gur und Kin­der­zeich­nun­gen immer wie­der ins Gedächt­nis der Gemeinde geholt. Und um dem die Krone auf­zu­set­zen gibt es im Dorf auch eine Quelle, die an das his­to­ri­sche Ereig­nis erin­nert. Das Was­ser kann man nicht mehr trin­ken, was mich an der Geschichte bzw. dem Hei­li­gen­sta­tus des Prot­ago­nis­ten arg zwei­feln lässt. Wenigs­tens kann man inter­ak­tiv wer­den und durch betä­ti­gen der Pumpe den Teu­fel aus dem Stie­fel her­aus schauen las­sen. Der Appa­ra­tis­mus quietscht so sehr, dass ich meine Bemü­hun­gen ein­stelle. Wir wol­len doch nicht schon am ers­ten Tag nega­tiv auf­fal­len.

Die Tat­sa­che, dass Fudge sich so ent­spannt auf Frau R. nie­der­ge­las­sen und uns damit quasi in die Fami­lie auf­ge­nom­men hat, wird von Pete und Rachel mit Erstau­nen regis­triert. Wir bewei­sen, dass wir kat­zen­er­fah­ren sind, und wir kom­men abends noch sehr lange ins Plau­schen mit Pete, wäh­rend Rachel ver­zwei­felt ver­sucht, ihren Mann zu einer wich­ti­gen Tätig­keit ins Haus zu beor­dern. Wir erfah­ren, dass wir auf einem Grund­stück leben, auf dem Mau­er­reste zu fin­den sich, wel­che sich teil­weise wahr­schein­lich bis unge­fähr ins Jahr 1200 zurück­da­tie­ren las­sen. Frü­her stand auf die­sem Grund­stück das Her­ren­haus (des­halb auch der Grund­stücks­name „Manor Farm“); nach­dem die­ses aber ver­fal­len war und abge­ris­sen wurde, nahm den Platz eine Mol­ke­rei nebst Stäl­len ein. Da, wo wir unsere Kör­per zur Ruhe bet­ten, stan­den frü­her die Trans­port­pferde; Küche und Bad waren der Schwei­ne­stall. Hier muss ich inter­ve­nie­ren: In der Küche war der Schwei­ne­stall und im Bad wohn­ten die Hüh­ner. Und die Fens­ter die­ser bei­den letzt­ge­nann­ten Ställe wären wohl noch ori­gi­nal. Hm, auch irgend­wie bedenk­lich … Rachel und Pete haben das Grund­stück und die Gebäude vor zehn Jah­ren erwor­ben und behut­sam um- und aus­ge­baut. Unser Feri­en­häus­chen hat des­halb noch schöne alte Bal­ken, aber der Stall­ge­ruch ist schon lange ver­flo­gen. Im Dorf gibt es einen Ver­ein, der sich inten­siv und schon seit lan­gem mit der Geschichte von North Mars­ton beschäf­tigt. Ent­stan­den ist bereits ein dicker Bild­band mit vie­len per­sön­li­chen Geschich­ten und Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, an einem zwei­ten Wäl­zer wird der­zeit gear­bei­tet. Und im Rah­men der Erfor­schung der Dorf­ge­schichte wird gemut­maßt, spe­ku­liert, gehofft, dass in jenem Haus der­einst King Henry VIII. genäch­tigt haben soll. Wenn sich diese Ver­mu­tun­gen bewahr­hei­ten soll­ten, dann wird der Über­nach­tungs­preis für den Stall wohl in unbe­zahl­bare Höhen stei­gen. Gut, dass wir schon die­ses Jahr hier sind! 😉

Wir ver­til­gen wei­tere Buch­sei­ten, Rosé­wein, Scho­ko­kekse und gute Land­luft und gehen wie­derum glück­lich zur Ruhe.

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