Mittwoch, 6. August:
Raeren
Belgien! Ich „liebe“ Belgien! Nicht wahr? Das weiß man, wenn man unsere Urlaubsberichte bis hierhin aufmerksam verfolgt hat.
Jedoch bezieht sich meine „Liebe“ zu Belgien ja hauptsächlich auf die Autobahnfahrten nach und von Calais und die damit verbundenen Kontakte mit belgischen Autofahrenden. Aber tatsächlich hat Belgien auch schöne Seiten, und eine besichtigen wir heute. Wir rollen ein halbe Stunde nach Abfahrt über die belgische Grenze – was man kaum merkt, da sich hier eigentlich nur die Verkehrsschilder leicht ändern, aber die Straßenschilder und die meisten anderen Ausschilderungen in Deutsch verfasst sind. Tatsächlich verlaufen einige Landstraßen im Gebiet Monschau/Aachen beinahe im Zickzack über die Ländergrenze – wer auch immer da wieder Grenzkontrollen einführen möchte, wird ganz sicher nicht mehr glücklich.
Wir sind jetzt also im Gebiet der deutschen Minderheit in Belgien bei Roetgen, und konkret stellen wir unser Auto neben einem kleinen Schlösschen in der Ortschaft Raeren ab. Dieses Schlösschen wird natürlich auch gerade saniert, weshalb sich die Hoffnung auf romantische Fotos weitgehend erledigt.
Wir sind jedoch nicht wegen des Schlosses hier, sondern wegen der Aussicht auf einen Naturrundgang auf einem „Wiesenwanderweg“. Der führt uns an Bächen entlang über Felder und Wiesen, wir passieren alleinstehende Gehöfte und durchstreifen kleinere Orte wie z. B. Botz.
Und irgendwer hat irgendwo natürlich wieder den entscheidenden Wegweiser abgebaut. (Ähnliche Probleme hatten im Zweiten Weltkrieg auch die Amerikaner, auf deren Karten die Zufahrt nach Raeren als Straße eingezeichnet war. Tatsächlich allerdings gelangte man damals mit dem Pferdekarren in die Stadt, indem man mit dem Karren in ein Bachbett fuhr und diesem folgte.) Die einzige Frau, welche wir treffen, ist sehr freundlich – im Gegensatz zu ihrem leicht auf Krawall gebürsteten Spitz –, spricht nur aber auch als einzige weit und breit kaum Deutsch. Und auch kein Englisch. Nur Französisch und eben ein paar sehr wenige Brocken unserer Muttersprache. Ihre mutigen Versuche, uns zu helfen, bekommen durch das energische Schwenken des vollen Hundekacketütchens eine dramatische Komponente. Ich halte Abstand und versuche, die mögliche Flugbahn des Tütchens vorherzusehen … Sie besteht allerdings vehement darauf, dass wir keinesfalls dort sein können, wo wir es laut Karte vermuten. Von der Ortschaft, durch die wir dreihundert Meter vorher gelaufen sind, hat sie noch nie gehört. Wir müssten einfach wieder in die Richtung, aus der wir gerade kommen, und bei „Hydro Aluminium“ dann nach rechts. Weitere zwei ergebnislose Minuten später, als ich versuche, mich auf freundliche Weise zu verabschieden, lässt sie mich allerdings wissen, dass sie sich seit Corona nichts mehr merken kann. Aber ob ich ihr Haus kaufen möchte, die Nummer 58, gleich da vorn?
Wir entfernen uns etwas bedrückt, laufen dann aber entgegen den Ratschlägen noch etwas weiter in unsere ursprüngliche Richtung und entdecken ein paar Meter weiter endlich wieder einen Wegweiser, der zu einem der Punkte auf unserer Wunschroute weist. Uff!
Wären wir etwas später bei „Hydro Excursion“ – so heißt die Firma tatsächlich – dann wirklich nach rechts abgebogen wie empfohlen, hätten wir nicht noch eine kleine Extrarunde gedreht. Also, liebe unbekannte Frau: Sie sind rehabilitiert.
Kurz vor Schluss der Tour besichtigen wir noch eine etwas opulentere katholische Kirche, und nach wieder etwas mehr als 10 Kilometern Rundweg heute fallen wir ins Auto.
Eine schwarzweiße Katze schleicht sich fast unbemerkt von uns im Garten vorbei, hält aber kurz vorm Tor nochmal inne, um etwas Aufmerksamkeit einzuheimsen. Zack, gültiger Tag.